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Dieses Thema hat 16 Antworten
und wurde 1.127 mal aufgerufen
 Allgemeines
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John Connor



Beiträge: 4.709

04.02.2014 20:11
#16 RE: Was macht eine gute Synchronisation aus? Zitat · antworten

Wasn das fürn komischer Thread!? Eigenzitate, Plagiatsversprechen? Bin mir sicher, dass ich auch das eine oder andere schon zu dem Thema geschrieben habe, aber unser Forumsarchivar hat schon Feierabend, da recycle ich mich halt auch selbst.

Ich habe dazu eine kurze und eine weniger kurze Antwort.
Die kurze: Eine Synchronisation ist für mich immer dann gut, wenn sie mir sinnlichen Genuss bereitet.

Und welche Maßstäbe lege ich an, wenn ich über Synchros richte? Nun, das ist eine lange Geschichte.

Zunächst würde ich zwei grundsätzliche Ebenen unterscheiden: die Ebene der Macher und die Ebene der Zuschauer/Zuhörer. Quer zu diesen Handlungs-Ebenen steht die Ebene des Werkes selbst (also: die Filmfassungen). Hier wiederum empfiehlt es sich, eine nochmalige Binnendifferenzierung vorzunehmen: einmal zwischen der Vorlage (im Volksmund: das’Original‘) und der (jeweiligen) Synchronfassung. Sodann zwischen der fokussierten Synchronfassung im Besonderen und (allen) anderen synchronisierten Werken im Allgemeinen.

Die voraussetzungsvollste Ebene ist die Ebene der Synchron-Ersteller. Sie müssen nämlich mindestens Rücksicht nehmen auf: (1) die Vorlage, (2) die besondere Struktur ihres Objekts (ästhetisch/künstlerisch im Gegensatz zu pragmatisch/informativ: sie übertragen nämlich nicht einen wissenschaftlichen oder journalistischen Text in eine andere Sprache, woraus wiederum künstlerische Gebote wie künstlerische Freiheiten resultieren) und (3) die unterstellten Rezeptionsgewohnheiten.

Im Mittelfeld befindet sich der fortgeschrittene Synchron-Experte (in seiner sympathischsten Ausprägung: der Synchron-Fan, in seiner unausstehlichsten Form: der Pedant), der dank der evolutionären Technik des Speichermediums DVD die Möglichkeit hat, die Synchronfassung mit ihrer Vorlage zu vergleichen. Damit ist aber auch die Rückkehr in den paradiesischen Zustand schon verbaut, als man noch ohne Kenntnis der Vorlage seine Wertmaßstäbe an eine Synchronfassung anlegen konnte.
Der Pseudo-Synchronfan wird nun in der REgel die Vorlage zum absoluten Maßstab erheben und stets davon ausgehen, dass die Vorlage besser sei als die Synchronfassung. Die theoretisch (natürlich auch praktisch) möglichen Optionen, dass die Synchronfassung genauso gut oder sogar besser sein könnte, wird er zuverlässig ignorieren. Heikel wird es, wenn er nun muss seine Kenntnis der Vorlage protzend und lauthals in die Welt hinausposaunt: an welchen Stellen man sich vom Original (natürlich immer zum Schlechten) entfernt hat, dass die Stimme des Synchronsprechers ja nun nicht das Mindeste mit der Stimme des Schauspielers gemein habe, ja dass sie dessen Figur völlig in sein Gegenteil verkehre, und besonders albern: man könne Schauspieler X gar nicht ins Deutsche übertragen usw.

Auf der untersten Ebene befindet sich der 'gemeine' Zuschauer. So hat wohl jeder Synchron-Fan angefangen. Wenn ich hier von mir ausgehe: Unter welchen Bedingungen fand ich nun als Naivling einen Film gut? War es wirklich unbedingt nötig, dass mir die Illusion vermittelt wurde, ich hätte es hier nicht mit einem synchronisierten Film zu tun? Ich denke nicht. Das heißt: Mittlerweile denke ich das nicht.

Ein Beispiel: Ich nehme wahr, dass ein britischer Geheimagent namens James Bond deutsch spricht. Wenn es nicht mein allererster Kontakt mit einem synchronisierten Film ist, kann mir kein trickreicher Synchron-Ersteller der Welt weismachen, dass ich hier keinen bearbeiteten Film sehe. Selbst wenn: ich denke nicht, dass das meine Beurteilung von, sagen wir mal: LIEBESGRÜSSE AUS MOSKAU, wesentlich beeinflusst hat.
Denkbar sind doch folgende Reaktionsweisen: Entweder finde ich den Film als Film an sich gut, oder nicht – ohne auf dessen Synchronisation zu achten. Dann aber ergibt die Beantwortung der Frage: „Was macht eine gute Synchronisation aus?“ nicht viel Sinn.
Oder – zweite Möglickeit – ich weiß, dass es sich um einen synchronisierten Film handelt. Dann aber ergibt die Forderung, die synchronisierte Fassung müsse ihre Gemachtheit kaschieren, erst recht keinen Sinn. Dann könnte ich die Qualität der Synchronisation als Synchronisation ja gar nicht beurteilen.

Nehmen wir aber trotzdem mal an, dieses Illusionsgebot wäre ein brauchbarer Beurteilungsmaßstab. Sind denn dann beispielsweise all die Brandt-Synchros, die ihre Gemachtheit nicht nur nicht verstecken, sondern sie geradezu zelebrieren, per se schlecht? Auf gar keinen Fall, wenn man sich die Lobhudeleien von Brandt-Fans ansieht, die vermutlich sonst nix mit Synchros am Hut haben – aber mit Wonne die gestelzten Brandt-Dialoge zitieren oder sich genüsslich darüber kaputtlachen, dass eine Figur Sprüche klopft, wo sie doch ganz offensichtlich den Mund nicht bewegt.

Warum hatte mir aber MOSKAU als kleiner Bub so gefallen, als ich ihn das erste Mal sah? Die Frage ist für mich ganz einfach zu beantworten. Ich sprach oben vom sinnlichen Genuss, den mir gute Synchronfassungen bereiten. Ein Film ist für mich ausschließlich ein ästhetisches Produkt. Für mich spielte es überhaupt keine Rolle, ob MOSKAU seine nichtdeutschsprachige Vorlage auf pragmatischer Ebene gut ins Deutsche übertragen hat oder nicht. Was mich aber sinnlich überwältigt hat, das war die Stimme von GGH (den ich damals natürlich nicht namentlich kannte) auf dem Darsteller des Bond.

Und niemand kann mir weis machen, dass man Synchronfan wird, weil man das Synchronbuch seines Schlüsselfilms so genial fand o.ä. Deswegen hat es auch seine volle Berechtigung, dass hier so viel über passende oder nichtpassende Stimme diskutiert wird. Diese naive Haltung zum Synchron ist für mich die reinste, die ursprünglichste, die fundamentalste.

Auf dieser Ebene beurteile ich die Güte der Synchronfassung nicht auf der Grundlage eines Vergleichs mit der Vorlage (FROM RUSSIA WITH LOVE). Ist meine Beurteilung auf dieser untersten Ebene aber gänzlich voraussetzungslos? Nein. Denn MOSKAU war ja nicht der erste synchronisierte Film, den ich sah, und es war auch nicht der erste Film mit GGH, den ich sah.

Kurzer Rede langer Sinn: kein Werturteil kommt ohne einen Vergleich aus. Aber auf dieser trivialsten Ebene der Synchronbeurteilung ist der Vergleichshorizont noch nicht die konkrete Vorlage des konkreten synchronisierten Films, sondern andere synchronisierte Filme (ob nun als amorphe Masse oder als konkreter Vergleichsfilm).


"Ich habe keinen Bond-Film mehr gesehen, seit Sean Connery aufgehört hat!"
(Niels Clausnitzer in LAW & ORDER)

berti


Beiträge: 13.984

03.03.2014 13:30
#17 RE: Was macht eine gute Synchronisation aus? Zitat · antworten

Ich habe lange überlegt, ob es hier noch etwas zu ergänzen gibt.
Dass sich eine gute Synchro dadurch auszeichnet, nicht sofort als solche erkennbar zu sein, wurde oft betont. In dieser Hinsicht finde ich es (wie schon früher erwähnt) interessant, wenn man vergleicht, wie im Original identische Formulierungen oder ähnliche Sätze in unterschiedlichen Jahrzehnten übersetzt wurden. Dabei bekommt man einen guten Eindruck, wie vielen Übersetzungsmöglichkeiten es gibt, so dass ein "Synchronesisch" mit der ständigen Wiederholung bestimmter Varianten vermieden werden könnte.
Bei 1:1-Übersetzungen dagegen hat man eine allzu deutliche Vorstellung, wie der Originaldialog lautet. Paradoxerweise kann dadurch der Wunsch, direkt den O-Ton zu hören, sogar stärker werden. Bei flüssigeren Formulierungen, die einen größeren Wortschatz erahnen lassen, ist dieser Wunsch wahrscheinlich deutlich geringer.

Dass eine gute Stimmbesetzung sich nicht unbedingt durch Nähe zum Original auszeichnen muss (obwohl so etwas natürlich auch vorkommen kann) ist auch klar. Allerdings kann sich eine Besetzung dadurch auszeichnen, dass sie das Original zwar nicht übertreffen muss, aber doch eine Alternative zum O-Ton darstellen kann.
Mein Lieblingsbeispiel in dieser Hinsicht ist "Tod auf dem Nil": Peter Ustinovs eigene Stimme war durch Auftritte in deutschen Talkshows oder vor Publikum ebenso wie durch Selbstsynchronisationen in späteren Jahren vielen deutschen Zuschauern vertraut, so dass Fremdsynchronisationen bei den meisten seiner vor 1990 entstandenen Filme irritierend wirken konnten, selbst wenn die gewählte Stimme zum Zeitpunkt der Synchro als Rollencast gut funktionierte. Horst Niendorf schaffte es in "Tod auf dem Nil" dagegen, die Rolle gut auszufüllen und Ustinovs Manierismen zu treffen, so dass man den O-Ton nicht vermisste, selbst wenn man diesen im Ohr hatte. Alfred Balthoff in "Quo Vadis" könnte man natürlich auch nennen, aber in diesem Film war Ustinovs Erscheinung von seiner späteren noch deutlich verschieden (körperlich etwas schmaler und vom Spiel her mit mitweniger stark ausgeprägten Manierismen).

Wenn ein Schauspieler vom Stimmklang und der Aussprache her praktisch nicht zu treffen ist (wie etwa in früheren Zeiten Humphrey Bogart oder Vincent Price, heute z. B. Alan Rickman) kann eine Rollenbesetzung natürlich noch wichtiger werden, so dass der jeweilige Sprecher im einzelnen Film gut funktioniert, ohne die Wirkung des Stars komplett wiedergeben zu können.


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