Die deutsche Fassung entstand ja in der Synchronabteilung der MGM, Berlin-Tempelhof, Kaul benennt Leonhard Fürst als Regisseur. Er gibt zudem die Jahreszahl der Synchronisation mit 1952 an. Dies stimmt jedoch nicht. Zeitgenössische Zeitungsberichte beklagten 1952, dass der Film bereits fertig lokalisiert sei, aber nicht erscheine (https://www.deutsche-digitale-bibliothek...eht&issuepage=3).
Im Herbst 1948 soll der Film bereits von der MGM für eine deutsche Lokalisierung freigegeben worden sein (1949 wird erwähnt, der Film komme nach Deutschland). Die Synchronaufnahmen entstanden dann vermutlich bereits 1950 in Berlin-Tempelhof. Die Deutschlandpremiere am 10. Januar 1953 fand im Kino "Film-Casino", München, statt. MGM hatte die Rechte in den größeren deutschen Städten aufgrund der Länge jeweils nur an ein Kino veräußert, welches den Film mindestens zweimal täglich und, vertraglich abgesichert, mindestens sechs Monate zeigen musste (wirtschaftliche Erwägungen des Verleihs). (https://www.deutsche-digitale-bibliothek...ht&issuepage=13)
In West-Berlin lief der Film ab dem 3. Dezember 1953 im Kino "Die Kurbel". Die Ticketpreise, von MGM vorgegeben, waren für 1953 mit (abhängig von Spielzeit) drei, fünf und sieben DM recht hoch. Später gab es eine Ermäßigung für Rentner. Der Film lief in der "Kurbel" unfassbare 28 Monate (2.395 Vorstellungen; 600.000 Besucher; vier verschlissene Kopien). (https://www.tagesspiegel.de/berlin/mit-s...tt-2039380.html)
Für mich etwas seltsam ist bis heute, dass man über die Entstehung der deutschen Fassung praktisch nichts weiß. Selbst zur kolportierten Aussage, der bereits angejahrte (aber brilliante) Siegfried Schürenberg sei auf Wunsch von MGM erneut auf Clark Gable besetzt worden, findet sich keine Primärquelle. Weiß jemand hier vielleicht mehr?
Zitat von Begas im Beitrag #18Für mich etwas seltsam ist bis heute, dass man über die Entstehung der deutschen Fassung praktisch nichts weiß. Selbst zur kolportierten Aussage, der bereits angejahrte (aber brilliante) Siegfried Schürenberg sei auf Wunsch von MGM erneut auf Clark Gable besetzt worden, findet sich keine Primärquelle. Weiß jemand hier vielleicht mehr?
Leider habe ich Andreas Neumanns Buch "Sir John jagt den Hexer" gerade nicht zur Hand und kann erst morgen Abend dort nachschlagen; aber grundsätzlich könnte ich mir vorstellen, dass vielleicht über eine anderen Besetzung nachdachte: Vor dem Krieg war Schürenberg zwar von der MGM ausgewählt worden, aber in zwei Nachkriegssynchros hatten Paul Klinger und O. E. Hasse einmalige Einsätze gehabt. Möglicherweise erschien diese Kombination damals nicht mehr als zwingend und wurde es erst durch den Erfolg des Films (und dadurch, dass Gable zu dieser Zeit meist in MGM-Filmen mitspielte)?
Vielen Dank, Begas, für die interessanten Links. Finanzielle Gründe, die Aussicht auf ein besseres Geschäft, dürften wohl die Gründe gewesen sein, die deutsche Premiere 2 Jahre "auf Eis" zu legen.
Siegfried Schürenberg hatte von 1935 (über die Zeit vorher habe ich keine Unterlagen, nur den Film "Nachtflug", da ist er es nicht) bis 1939 alle Filme mit Gable gesprochen (Ausnahme "Der Werkpilot", 1938). Nach meinem Kenntnisstand hat die MGM-Synchronabteilung 1950 wieder die Arbeit aufgenommen. Zu dem Zeitpunkt war Schürenberg noch in der Schweiz tätig. Es liegt nahe, dass der Leiter der Synchronabteilung, Georg Fiebiger, die "alte" Gable-Stimme Schürenberg zu Synchronarbeiten wieder nach Berlin holte. Jedenfalls hat Schürenberg ab 1950 wieder synchronisiert.
"Draufgänger" wurde 1948 bei der MPEA in München synchronisiert. "Ein toller Bursche" erschien am 30.12.1949, wo Gable (unpassend) von O.E. Hasse gesprochen wurde, da vermute ich auch noch die MPEA (diesmal in Berlin).
Zitat von berti im Beitrag #19Leider habe ich Andreas Neumanns Buch "Sir John jagt den Hexer" gerade nicht zur Hand und kann erst morgen Abend dort nachschlagen
Neumann beschäftigt sich etwas genauer mit der Beziehung zwischen Siegfried Schürenberg und Clark Gable (S. 63ff.): Demnach endete diese Beziehung, als Hollywood-Filme aus den deutschen Kinos verschwanden; nach 1945 synchronisierte Schürenberg einige Jahre nicht mehr und arbeitete in der Schweiz, bis er um 1950 eine Arbeitserlaubnis für West-Berlin erhielt, wieder in der Branche Fuß fasste und auch wieder auf Gable besetzt wurde. Also im Kern nichts Neues.
1948 gab es bereits deutschsprachige Cineasten, die sich fragten, wann Vom Winde verweht endlich in die deutschen Kinos käme. In der Film Revue (Nr. 2, S. 12) wurde die Frage eines Lesers wie folgt beantwortet: "Warum der Film „Vom Winde verweht“ immer noch nicht in Deutschland zu sehen ist, können wir Ihnen auch nicht genau sagen. Wir vermuten, daß geschäftliche (Devisen!!) Gründe schuld daran sind. Aber trösten Sie sich, auch Paris hat den Film noch nicht gesehen."
Im selben Jahr kündigte die Film Revue den Deutschland-Start bereits an (Nr. 12, S. 12): zunächst in Berlin und als Zweiteiler, zu sehen an zwei (!) Abenden.
1948 berichtete bereits die Neue Filmwelt (Nr. 4, S. 18) über das grundsätzliche Vorgehen von MGM bei der Auswertung seines Monumentalfilms Vom Winde verweht in London: "Besonders große Filme laufen nach der Galapremiere wochenlang — manchmal auch monatelang — in Premierentheatern, bis sie für die »gewöhnlichen« Kinos freigegeben werden. Ein besonders extremes Beispiel für diese scharfe Trennung von Premierenlaufzeit und gewöhnlicher Laufzeit ist der Millionen-Farbfilm »Vom Winde verweht« gewesen, der jahrelang zu erhöhten Preisen in ein paar Premierentheatern gelaufen ist, bis er endlich Ende 1947 auch in den anderen Kinos gezeigt wurde. Wenn der Film für die gewöhnlichen Kinos frei ist, durchläuft er nacheinander die verschiedenen Stadtteile und Vororte."
1950 zeigte Der Stern die ersten Farbbilder von Von Winde verweht in deutschen Printmedien (Nr. 5, S. 28f.).
Die FSK prüfte den Film als Spielfilm im Zeitfenster 22. bis 27. Oktober 1951 und gab dem Film die Kennzeichenen jugendfrei und feiertagsfrei (Filmwoche, Nr. 1, S. 12).
Die deutsche Fassung lag 1951 wohl bereits vor. Jedenfalls berichtete die Filmwoche 1951 (Nr. 28, S. 2), dass Vom Winde verweht Bundestagsabgeordneten im Bonner Metropol-Theater gezeigt wurde, die sich sehr beeindruckt zeigten.
1952 konkretisiert Der Spiegel (Nr. 9, S. 26) die Probleme mit der deutschen Veröffentlichung: "Seit 1 1/2 Jahren steht ,Vom Winde verweht“ auf den Entwürfen des MGM-Verleihprogramms. Immer wieder wird der Film zurückgestellt. Vor Monaten schon hat die Berliner Synchronisationsgruppe des Konzerns die deutsche Fassung fertiggestellt.
Aber der Film kommt nicht: Das Hemmnis, das ihn auf seinem Triumphzug um den Globus bis heute an den deutschen Grenzen stoppte, ist eine 1938er Höchstpreisverordnung, die Filmleihmieten auf maximal 43 Prozent festsetzt. Das heiBt: Der Verleih kann dem Kinobesitzer für einen Film nicht mehr als 43 Pfennig von jeder eingenommenen Mark abverlangen.
Nun fordert MGM für diesen 230-Minuten-Mammut-Farbfilm auf der ganzen Welt Sonderpreise. In Deutschland verhandelte man auf einer Basis um die 70 Prozent. Dazu kommt, daß die Lange des Films nur 2 bis 3 an Stelle der üblichen 4 bis 5 Vorstellungen pro Tag ermöglicht. So müßten die Kinos ebenfalls Sonderpreise verlangen, was ihnen aber auf Grund der gleichen 1938er Verfügung verboten ist. Ihnen wird nun die Forderung auf höhere Leihmieten durch Garantien schmackhaft gemacht, mit denen die großen amerikanischen Konzerne überall da arbeiten, wo es ihnen auf lange Laufzeiten zur Reklame-Ausschlachtung ankommt.
MGM pflegt einen Viertel-, Halb- oder Ganzjahresvertrag mit einer Klausel abzuschließen, die dem Kino eine gewisse Mindest-Einnahme sichert. Langen die dem Kino verbleibenden 30 Prozent dafür nicht aus, so tritt der Verleih zu seinen eigenen Lasten ein. Praktisch ist der Kinobesitzer für die Laufzeit des Filmes gegen Verlust gefeit.
Nun fürchten die weniger finanzkräftigen deutschen Verleiher, daß sich die Amerikaner dieses Gewaltmittels in der Schlacht um die Termine im großen Stil bedienen könnten, wenn ihnen die wachsende Popularität des deutschen Films einmal ernstlich das Geschäft gefährden würde."
Danke für diese hochinteressanten Einblicke in die damalige Verleihpraxis und dass hohe Interesse an diesem Werk! Da wird einem wieder Klar, wie sehr "Vom Winde verweht" damals als DER Hollywood-Film schlechthin empfunden wurde.