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Dieses Thema hat 118 Antworten
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 Spielfilmklassiker
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berti


Beiträge: 13.373

30.12.2013 09:24
#31 RE: "Casablanca" hören Zitat · antworten

Aljean Harmetz´ Buch "Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen. Wie Casablanca gemacht wurde" enthält ein Nachwort von Gero Gandert, dass sich mit der Aufnahme des Films in Deutschland beschäftigt (S. 407-413).
Darin ist natürlich auch ausführlicher von der Erstsynchro die Rede. Gandert zitiert zwei Besprechungen. Die eine befindet sich auch online:
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-21977812.html
Die andere stammt aus dem "Film-Echo", der geschrieben habe: "Ein geheimnisvoller Mordfall bildet den Kern der Handlung."
Auf Nachfrage habe der deutsche Warner-Verleih seinerzeit erklärt, die Änderungen veranlasst zu haben, da der Film "in seiner Originalfassung nicht mehr zeitgemäß und nicht zur Vorführung in Deutschland geeignet" sei. Dies sei geschehen, bevor er der FSK vorgelegen hätte (S. 409).
"In der ´deutschen Neufassung´ hat sich der von Paul Henreid gespielte tschechoslowakische Widerstandsführer Victor Laszlo in einen norwegischen Physiker namens Viktor Larsen verwandelt. Er ist keineswegs aus einem KZ, sondern lediglich aus einem Gefängnis geflohen. Da er nicht zulassen will, dass die von ihm entdeckten ´Delta-Strahlen´ als Kriegswaffe missbraucht werden, wird er von Monsieur Laporte ´von der internationalen Polizei´ gejagt, einem Phantomkommissar, den man nie zu Gesicht bekommt.
´Major Strasser vom Dritten Reich´ ist nie in Casablanca gelandet. Der Name Conrad Veidt steht zwar noch im Vorspann, aber die Figur hat sich in Luft aufgelöst. Ein einziges Mal sieht man Veidt für den Bruchteil einer Sekunde. Er sitz in Rick´s Café mit Claude Rains am Tisch, dem Polizeipräfekten, der ihm etwas ins Ohr flüstert. Da unter der Einstellung ein Song liegt, konnte man sie beim besten Willen nicht eliminieren. Veidt existiert einfach nicht, und deshalb kann er am Ende des Films auch nicht eingreifen, als Henreid und Bergman das Flugzeug nach Lissabon besteigen wollen, und Bogart muss ihn nicht erschießen.
Genauso fehlen die Nazi-Offiziere aus Strassers Entourage, die in einer Schlüsselszene ´Die Wacht am Rhein´ grölen und in ohnmächtiger Wut hinnehmen müssen, dass ihnen Henreid, Gäste und Personal mit dem flammenden Gesang der ´Marseillaise´ antworten. Vergeblich hält man nach Madeleine LeBeau Ausschau, Bogarts Geliebter, die am Arm des Nazi-Offiziers Hans Heinz von Twardowski in die Bar kommt; im Original war sie für einen kurzen, verbitterten Moment ´zum Feind übergelaufen´, hatte aber dann mit feuchten Augen in die ´Marsellaise´ eingestimmt und ´Vive la France!´ gerufen. Auch die Wochenschaubilder vom Vormarsch der deutschen Truppen auf Paris wurden entfernt. Dooley Wilson, der schwarze Sänger mit der rauen Stimme, singt seine Songs nicht, er klimpert sie nur auf dem Klavier. So ist auch der beziehungsreiche Text von ´As Time Goes By´ nicht mehr zu hören. Allein Szöke Szakall hat seine Szenen behalten, wenn auch der Text leicht verändert wurde.
Was Casablanca den Drive, die niemals erlahmende Spannung, das ironisch gebrochene Pathos verleiht, das uns im Kino fast sechzig Jahre nach der New Yorker Premiere immer noch unter die Haut geht, (...) das alles war in der skandalösen deutschen Erstfassung dahin. Ein Jahrhundertfilm schrumpfte zum Privaten Liebesdramolett.
Und die herrliche Schlusssequenz auf dem Flugplatz? Das war nur noch irgendein Abschied, wie man ihn aus tausend Filmen kannte. Bogart und Bergman nur noch irgendein Paar, trivial die Rollen und ohne Tiefe. Was verschlägt es da noch, dass auch die raffinierte Filmmusik Max Steiners willkürlich zerhackt war; dass die abrupten Schnitte den Bildfluss unterbrachen und den sorgfältig austarierten Rhytmus gänzlich zerstörten." (S. 410f.)

Dieser Essay war die ausfürlichste Informationsquelle, die mir vor zangos Ausführungen zur Erstsynchro vorlag. Da Gandert sehr ins Detail geht und teilweise Punkte erwähnt, die in anderen (pauschaleren) Ausführungen zur Erstsynchro nicht genannt wurden (Veidts Name im Vorspann, sein kurzes Erscheinen während des Gesangs, Sams "stummes" Klavierspiel) dürfte er den Film in dieser Fassung tatsächlich gesehen haben.


Lammers


Beiträge: 3.389

30.12.2013 10:44
#32 RE: "Casablanca" hören Zitat · antworten

Eine interessante Bemerkung am Rande: Man wusste es vielleicht 1952 noch nicht, aber im Nachhinein erfuhr man dann doch, dass die seinerzeit aktuelle Fassung von "Casablanca" furchtbar verstümmelt war. Denn 1974 berichtete die "ZEIT" zweimal über dieses Phänomen. Im ersteren Artikel vom 01.06.1974 (Der Autor war übrigens der Regisseur Hans Christian Blumenberg, der 1973 eine Dokumentation mit dem Titel "Die lange Nacht von Casablanca - Anatomie einer Legende" drehte) wird übrigens die 1975er Fassung erwähnt, die damals wohl schon in Planung war.

Hier die Links:
http://www.zeit.de/1974/24/schon-legende
http://www.zeit.de/1974/26/casablanca-zum-beispiel

Und hier der "SPIEGEL"-Artikel mit Verweis auf die Dokumentation: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41955201.html


berti


Beiträge: 13.373

30.12.2013 11:11
#33 RE: "Casablanca" hören Zitat · antworten

Zitat von Lammers im Beitrag #32
Eine interessante Bemerkung am Rande: Man wusste es vielleicht 1952 noch nicht, aber im Nachhinein erfuhr man dann doch, dass die seinerzeit aktuelle Fassung von "Casablanca" furchtbar verstümmelt war.

Als Quelle für die Aussagen des Warner-Verleihs nennt Gandert übrigens einen Leserbrief vom Januar 1953 (!), in dem diese zitiert wurden.
Es scheint also bereits damals zumindest einige wenige Zuschauer gegeben zu haben, die angesichts der verfälschten Fassung misstrauisch wurden und nachfragten.

John Connor



Beiträge: 4.609

02.01.2014 20:34
#34 RE: "Casablanca" hören Zitat · antworten

So brennend gern ich die 1952er Fassung auch mal sehen und hören würde - allein auf Grundlage der Handlungswiedergabe und der Zitate kann ich mir im Moment nicht vorstellen, dass sie der 1975er Fassung überlegen sein könnte. Und das liegt nicht unbedingt daran, dass der Nazi-plot gekappt und "das Orginial" dadurch "verfälscht" wurde - das sind für mich keine relevanten Urteilsmaßstäbe.

Es sind eben drei unterschiedliche Filme (die US-Fassung und die beiden Synchronfassungen), die man miteinander vergleichen kann. Auch als Klassiker-Fan kann ich der 52er Fassung keinen Blankoschein ausstellen, kann ich die 75er Fassung deshalb nicht als automatisch minderwertiger bewerten. Ich würde sie aber auch nicht deshalb per se positiver bewerten, weil sie angeblich "originalgetreuer" ist.

Die zitierten Dialoge aus der 1952er Fassung gefallen mir nicht, die der 1975 sehr, sie sind einfach geschliffener als die zitierten holprigen Dialoge aus der Kinofassung. Und es stimmt, CASABLANCA funktioniert zuallererst als Liebesfilm, als "männliches Melodrama", wie mal zutreffend gesagt wurde, der Kriegsplot ist da nur sekundär. Er macht als bombastischer Überbau aber die Verzichtshandlungen zuerst von der Bergman, dann von Bogart plausibel. Der McGuffin der 1952er Fassung bietet da leider kein funktionales Äquivalent, er lässt den Film wie ein C-Movie wirken. NOTORIOUS z.B. war in der Hinsicht nicht in dem Maße vom Nazi-plot abhängig, weswegen ich WEISSES GIFT auch BERÜCHTIGT, der den Nazi-plot übernahm, eindeutig vorziehe.

Dass die Kinofassung sprechertechnisch der TV-Fassung mindestens ebenbürtig ist, glaube ich gern, der Lindenstraßen-Sound der Schick-Fassung ist ganz klar ein Negativposten - allerdings passt er auch gar nicht mal so schlecht zu den künstlichen Warner-Kulissen.


"Ich habe keinen Bond-Film mehr gesehen, seit Sean Connery aufgehört hat!"
(Niels Clausnitzer in LAW & ORDER)

zango


Beiträge: 41

02.01.2014 21:17
#35 RE: "Casablanca" hören Zitat · antworten

Zitat von Slartibartfast im Beitrag #30
Ich vergaß, dass wir im Internet sind, wo auf jegliche Kritik nur noch mit dem Verweis auf freie Meinungsäußerung "gekontert" wird. Danke für deine Anmerkungen, die tatssächlich interessant waren. Zu dumm, dass du sie offenbar nur von dir geben und nicht über sie diskutieren willst.

Mann, ich bin doch nicht der Chefredakteur vom Kulturteil der ZEIT und meine persönliche Meinung in diesem kleinen Forum zählt soviel wie der berühmte Sack Reis, der in China... Vileicht bin ich beim Besprechen der Kinofassung auch ein wenig übers Ziel hinausgeschossen, hab die nun gerade zum Fest gesehen und die war halt richtig schön melodramatisch und kitschig ohne diesen ganzen Nazikram-irgendwie was fürs Herz. Aber Du hast natürlich recht-der Film ist in dieser Fassung total verfälscht und niemals das Meisterwerk das er nun mal ist sondern wie schon bemerkt ein durchschnittliches Melodram.Das soll nun keine Entschuldigung sein, aber irgendwie kann ich den Verleih von damals auch verstehen. Der Film hatte zu der Zeit noch lange nicht den Kultstatus wie Jahre später und die Leute waeren nach all den Kriegsentbehrungen und Schrecken der Nazizeit in Erwartung eines Liebesfilms sicherlich irritiert gewesen, nicht umsonst waren in den 50ern sinnfreie Heimatdramen der Publikumsrenner. Im Rückblick aus den 70ern oder aus der heutigen Zeit lässt es sich natürlich immer leicht auf die böse Zensur der Nachkriegszeit schimpfen .Trotzdem bleibe ich dabei das die reine Synchro der Erstfassung jetzt mal natürlich abgesehen von den Verfälschungen in Hinblick auf Sprecher, Atmosphäre und (wenn auch größtenteils verfälschten)Dialogen gelungen ist, wobei mir natürlich schon klar ist das man bei einer Zweitsynchro ohne IT Band und mit nachgespielter Musik und nachträglichen Geräuschen niemals die reine Kinoatmosphäre einer Originalfassung erreichen kann. Vileicht bin ich da wirklich zu sehr Purist aber Du hast schon recht: der Inhalt ist dann doch wichtiger als die (wenn auch zeitgemäße aber falsche) Verpackung. Zu der obigen zitierten Besprechung der Kinofassung möchte ich noch folgendes anmerken:

Conrad Veidt taucht tatsächlich zweimal in minikurzen Einstellungen auf: das 1.Mal schaut er erstaunt zum Polizeichef als Bergmann und Henreid das Lokal betreten und das zweitemal wie oben beschrieben während des Liedes der Frau als Rains ihm kurz was ins Ohr flüstert
Der Barpianist singt das großartige Lied TIME TO SAY GOODBY in dieser Fassung tatsächlich trotz der oben beschriebenen Aufforderung von Bergmann nicht- statt dessen Schnitt und in der nächsten Szene ist Bogart dann schon am Piano zu sehen.
Allerdings sind die ersten Gesangseinlagen des Pianisten gleich kurz nach Beginn des Films wo er damit die Stimmung zum Kochen bringt sehr wohl enthalten.

berti


Beiträge: 13.373

02.01.2014 21:37
#36 RE: "Casablanca" hören Zitat · antworten

Aber du würdest Ganderts Urteil in Bezug auf die Szene am Flughafen und deren fehlende Dramatik in der Kinofassung zustimmen?
Noch kurz etwas zu dieser Szene: Sagt Bogart dort (und bei der Szene mit Ilsa Lund in Ricks Wohnung) ebenfalls "Auf dein Wohl", obwohl er ihr in beiden Fällen nicht zuprostet? Oder wurde diese Übersetzung nur bei den ersten beiden Gelegenheiten gewählt?


zango


Beiträge: 41

02.01.2014 22:28
#37 RE: "Casablanca" hören Zitat · antworten

Zitat von berti im Beitrag #36
Aber du würdest Ganderts Urteil in Bezug auf die Szene am Flughafen und deren fehlende Dramatik in der Kinofassung zustimmen?
Noch kurz etwas zu dieser Szene: Sagt Bogart dort (und bei der Szene mit Ilsa Lund in Ricks Wohnung) ebenfalls "Auf dein Wohl", obwohl er ihr in beiden Fällen nicht zuprostet? Oder wurde diese Übersetzung nur bei den ersten beiden Gelegenheiten gewählt?

Man bist Du hartnäckig!!!Natürlich stimme ich hier wie oben schon erwähnt Gandert voll zu-die Szenen am Flughafen sind natürlich aufgrund des völligen Fehlens der Bedrohung durch Strasser bei weitem undramatischer und Bogart sagt hier in der berühmten von Dir angesprochenen Abschiedszene ganz unspektakulär:"Deshalb geh, er wartet auf Dich, Ilsa"
Und bei der Szene in Ricks Wohnung an der entsprechenden Stelle-bezogen auf das Hilfegesuch von Ilsa:"Nun gut ich versuch es, SOWEIT ICH KANN"
Letzteres dann anstelle von Schau mir in die Augen. Der berühmte Spruch taucht hier im gesamten Film nicht mal ansatzweise in irgendeiner Form auf.
Ich hoffe damit konnte ich Deine Fragen erstmal beantworten.

berti


Beiträge: 13.373

02.01.2014 23:25
#38 RE: "Casablanca" hören Zitat · antworten

Natürlich. Bei der Frage der (geringeren) Dramatik hatte ich mich nur gewundert, dass dieser Punkt in deinem früheren Urteil über die Kinofassung so nicht deutlich wurde.
Bei den späteren Szenen war ich wegen der Formulierung neugierig, da hier kein Bezug zum Trinken mehr vorhanden war und ein "reiner" Trinkspruch daher völlig unangemessen geklungen hätte.
Keine Sorge, weitere Fragen wollte ich sowieso nicht sollen. Danke für die Antworten!


zango


Beiträge: 41

03.01.2014 07:59
#39 RE: "Casablanca" hören Zitat · antworten

Zitat von berti im Beitrag #38
Natürlich. Bei der Frage der (geringeren) Dramatik hatte ich mich nur gewundert, dass dieser Punkt in deinem früheren Urteil über die Kinofassung so nicht deutlich wurde.
Bei den späteren Szenen war ich wegen der Formulierung neugierig, da hier kein Bezug zum Trinken mehr vorhanden war und ein "reiner" Trinkspruch daher völlig unangemessen geklungen hätte.
Keine Sorge, weitere Fragen wollte ich sowieso nicht sollen. Danke für die Antworten!


Das war jetzt auch mehr ironisch und kein bisschen böse oder genervt gemeint, BERTI. Die fehlende Dramatik in der Schlussszene hab ich ja schon oben kurz erwähnt und auch sonst würde ich den von Dir zitierten Artikel (mit den kleinen von mir erwähnten Abweichungen) so voll unterschreiben. Der Film war halt in dieser Fassung als reines Melodrama konzipiert, der hier fast nur durch die tollen Schauspieler und weniger durch die Geschichte getragen wird, wobei ich noch erwähnen wollte das Herbert Wilk auf Paul Henreid dann doch nicht so das Gelbe vom Ei ist, da die Figur hier gerade zum Ende hin irgendwie total unsympatisch rüberkommt.
Das völlige Fehlen des tollen Liedes TIME SAY GOODBY in dieser Fassung ist allerdings auch für mich ein Rätsel, da es doch so gut zur melodramtischen Wucht des Films beiträgt. Bergmann fleht den Barkeeper ja hier förmlich an:"Bitte spiel Sam, spiel mein Lied, spiel es, Spiel TIME SAY GOODBY und dann summt sie ihm das Lied sogar vor.Wieso das Lied dann hier nicht zu hören ist darüber kann man natürlich nur spekulieren


Lammers


Beiträge: 3.389

03.01.2014 12:20
#40 RE: "Casablanca" hören Zitat · antworten

Zitat von zango im Beitrag #39
"Bitte spiel Sam, spiel mein Lied, spiel es, Spiel TIME SAY GOODBY und dann summt sie ihm das Lied sogar vor.Wieso das Lied dann hier nicht zu hören ist darüber kann man natürlich nur spekulieren


Heißt es in dieser ersten Fassung tatsächlich "Time say goodbye" statt "As time goes by" oder hast du dich nur verschrieben ?

Slartibartfast



Beiträge: 4.959

08.01.2014 18:31
#41 RE: "Casablanca" hören Zitat · antworten

Zitat von Lammers im Beitrag #40
Heißt es in dieser ersten Fassung tatsächlich "Time say goodbye" statt "As time goes by" oder hast du dich nur verschrieben ?

Wollt ich auch schon fragen.

Auf die Frage, warum die Neufassung eigentlich Kult geworden ist, lassen sich übrigens zwei einfach Antworten anführen:
1. Weil der Film trotz 70er Jahre irgendwie nicht wie eine dieser unnötigen Neusynchros wirkt, sondern tatsächlich "alt" daher kommt.
2. Vermutlich hat auch keiner beim ersten Ansehen schon genug über Synchros gewusst, um bemerken zu können, dass die Synchro so viel später als der Film entstanden ist.


Gruß
Martin
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Die EG-Bildungsminister: Lesen gefährdet die Dummheit.

PeeWee


Beiträge: 1.381

08.01.2014 23:00
#42 RE: "Casablanca" hören Zitat · antworten

3. Weil CASABLANCA Kult war und es zu der Zeit wenig Alternativen mit O-Ton gab, also konnte ja nur die mehr oder weniger einzig verfügbare Fassung Kult werden.

berti


Beiträge: 13.373

08.01.2014 23:11
#43 RE: "Casablanca" hören Zitat · antworten

Zitat von PeeWee im Beitrag #42
3. Weil CASABLANCA Kult war und es zu der Zeit wenig Alternativen mit O-Ton gab, also konnte ja nur die mehr oder weniger einzig verfügbare Fassung Kult werden.

Allerdings wurde der Film mehrere Jahre vor Entstehung der ARD-Synchro bereits vom WDR im Original mit Untertiteln ausgestrahlt.

John Connor



Beiträge: 4.609

10.01.2014 00:40
#44 RE: "Casablanca" hören Zitat · antworten

Die 1952er Kinofassung von CASABLANCA war auch Gegenstand einer translationswissenschaftlichen Abschlussarbeit, die zusammen mit weiteren Diplom- und Magisterarbeiten in einem Sammelband von 2012 erschienen ist (Filmübersetzung. Probleme bei Synchronisation, Untertitelung, Audiodeskription). Die Autorin Annika Wisniewski geht in dieser wissenschaftlich eher belanglosen Fleißarbeit auf knapp 70 Seiten am Beispiel von CASABLANCA, NOTORIOUS und MRS. MINIVER dem Zusammenhang von Filmsynchronisation und Zensur nach. Ästhetische oder künstlerische Aspekte der Filmsynchronisation spielen dabei keine Rolle. Das Ganze erschöpft sich daher denn auch eher in Dialogvergleichen aus den US-Vorlagen und den deutschsprachigen Kinofassungen der betreffenden Filmbeispiele, die aber trotzdem ganz interessant sind, wenn man diese Fassungen noch nicht kennt (ich habe unten anstelle der Zitate aus der US-Fassung von CASABLANCA die entsprechenden Stellen aus der 1975-Fassung transkribiert, die mehr oder weniger der US-Vorlage folgen).

Die wichtigsten Fakten sind ja aus der Fachliteratur bekannt und wurden auch bereits in den vorangegangenen Beiträgen genannt: Die Erstsynchro kürzte die US-Fassung um volle 20 Minuten auf 82 Minuten. Alle Hinweise auf den Nationalsozialismus wurden eliminiert, so auch sämtliche Auftritte von Strasser, das Hymnen-Duell usw. Aus dem tschechischen Widerstandskämpfer Laszlo wurde der Wissenschaftler Larsen, Erfinder der ominösen Delta-Strahlen.

Beispiel 1: Strasser –-> La Porte
Aus
Renault: Rick, wir werden heute Abend einen wichtigen Gast hier haben – keinen geringeren als Major Strasser vom Dritten Reich. Wir wollten, dass er hier ist, wenn wir die Verhaftung vornehmen; eine kleine Demonstration, die die Tüchtigkeit meiner Behörde zeigen soll. (1975)

wurde
Rick, wir haben heute Nacht einen wichtigen Gast. Kommissar La Porte von der internationalen Polizei. Ein hohes Tier. Ich möchte, dass er der Verhaftung beiwohnt, damit er sieht, wie ich meine Pflicht tue. (1952)

Beispiel 2: Erster Wortwechsel zwischen Rick und Ilsa auf der Geschehens-Ebene:
Aus
Ilsa: Wie schön, du weißt es noch. Es war der Tag, an dem die Deutschen in Paris einmarschiert sind.

Rick: Ich erinnere mich an jede Einzelheit. Die deutschen Truppen trugen grau, und du trugst blau.

Ilsa: Ja, ich habe das Kleid weggelegt. Wenn die Deutschen mal aus Paris raus marschieren, ziehe ich es wieder an. (1975)


wurde
Ilsa: Wie nett, Sie haben’s nicht vergessen. Aber natürlich, es war der Tag, an dem Paris besetzt wurde.

Rick: Ich weiß es noch, wie heute. Sie trugen ein blaues Kleid, haben Sie es noch?

Ilsa: Ja, aber ich habe es weggepackt. Ich habe es seitdem nie wieder getragen. (1952)


Auffällig dabei ist, dass die 1952er Fassung hier die intime Bekanntschaft von Rick und Ilsa auf der Ebene der Geschichte ignoriert und das ehemalige Liebespaar sich siezen lässt, obwohl sie sich in Paris geduzt hatten:

Beispiel 3: Laszlo –-> Larsen
Aus:
Ilsa: Kurz nachdem wir geheiratet hatten, ging Victor zurück in die Tschechoslowakei. Sie brauchten ihn in Prag, aber dort wartete die Gestapo auf ihn. Nur zwei Zeilen in der Zeitung: „Victor Laszlo verhaftet. In ein Konzentrationslager gebracht." Ich war wie von Sinnen. Monate lang wartete ich auf eine Nachricht. Dann kam sie. Er war tot, erschossen bei dem Versuch zu fliehen. Ich war so einsam. Ich hatte nichts, nicht einmal Hoffnung. Dann kamst du. (1975)

wurde:
Ilsa: Wir waren kaum verheiratet, als Victor die Delta-Strahlen entdeckte. Du weißt, was dann passierte. Ich war schon nach Paris vorausgefahren. Ich ahnte, dass sie ihn verhaften würden, aber eins habe ich nicht geahnt, er bekam 20 Jahre wegen Sabotage. Ich wurde wahnsinnig. Monate habe ich nichts von ihm gehört. Dann erfuhr ich, er war tot, erschossen, bei einem Fluchtversuch. Ich war allein. Dann kamst du. (1952)

Die beiden interessantesten Hinweise der Arbeit betreffen zum einen die Lautsprecher-Durchsage der deutschen Besatzer in Paris, die in der US-Fassung auf deutsch erfolgt, in der 1952er Fassung jedoch auf französisch, womit jedoch suggeriert werde, „die Franzosen würden sich der deutschen Machtübernahme bereitwillig unterwerfen“.
(Viel irritierender finde ich allerdings, dass in der 1975er Fassung diese Durchsage von Holger Hagen gesprochen wird, der auch den Erzähler zu Beginn des Films gegeben hatte. Hat er etwa die Seiten gewechselt?)
Zum anderen, und das ist weitaus bemerkenswerter, wird der US-Fassung „Bedenkenlosigkeit beim Gebrauch von NS-Vokabular“ angekreidet, das „auf eine … aus heutiger Sicht pietätlos anmutende Weise gebraucht“ werde. Als Beispiel wird unter anderem der Dialog zwischen Berger und Laszlo genannt, wo Victor über seine Zeit im KZ sagt:

In a concentration camp, one is apt to lose a little weight. (1942)

Für die Autorin wird hier der Eindruck erweckt, „dass es sich um eine ‚herkömmliche‘ Haftanstalt handelt. Als Widerstandskämpfer hätte Victor in einem Konzentrationslager aber sicherlich eine viel grausamere Behandlung erfahren.“

In der ZDF-Fassung klingt die Stelle ähnlich verharmlosend:
In einem KZ neigt man dazu, ein paar Pfunde zu verlieren. (1975)

In der 1952er Fassung klingt die Aussage vergleichsweise neutral:
Ich glaube, ich habe mich seitdem etwas verändert. (1952)

Vielleicht die allerwichtigste Info für mich aus der Lektüre der Publikation: Die Deutsche Kinemathek in Berlin hat die 1952er Fassung von CASABLANCA in ihrem Archiv, die man offenbar auch sichten kann!


"Ich habe keinen Bond-Film mehr gesehen, seit Sean Connery aufgehört hat!"
(Niels Clausnitzer in LAW & ORDER)

berti


Beiträge: 13.373

10.01.2014 08:52
#45 RE: "Casablanca" hören Zitat · antworten

Zitat von berti im Beitrag #33
Zitat von Lammers im Beitrag #32
Eine interessante Bemerkung am Rande: Man wusste es vielleicht 1952 noch nicht, aber im Nachhinein erfuhr man dann doch, dass die seinerzeit aktuelle Fassung von "Casablanca" furchtbar verstümmelt war.

Als Quelle für die Aussagen des Warner-Verleihs nennt Gandert übrigens einen Leserbrief vom Januar 1953 (!), in dem diese zitiert wurden.
Es scheint also bereits damals zumindest einige wenige Zuschauer gegeben zu haben, die angesichts der verfälschten Fassung misstrauisch wurden und nachfragten.

Nachtrag: Als Quelle wird in einer Fußnote ein Leserbrief aus der "Neuen Zeit" vom 24./25. Januar 1953 genannt.

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