Kann aber auch sein, dass es innerhalb von Norddeutschland auch wieder unterschiedlich ist. Also direkt an der dänischen Grenze vielleicht mehr "Du" als in Hamburg oder gar Hannover.
Ich glaube kaum, dass sich da regional noch so viele Unterschiede feststellen lassen. Ich glaube die Trennung ist mittlerweile ziemlich aufgeweicht. Mir passiert sehr häufig, dass ich ganz selbstverständlich von Leuten geduzt werde, die ich gar nicht kenne und ich bin bspw. weit über 20. Ich ertappe mich auch selber immer wieder, wie komisch es finde, wenn ich "vermeintlich" Gleichaltrige oder gar Jüngere sieze, wenn ich z.B. nach dem Weg frage und auch die Reaktionen des Gegenübers sind ähnlich.
Omskakas hat mich auf was Hübsches aufmerksam gemacht: In den allten Klassikern spricht Rutherford-Marple ihren Freund immer mit "Mr. Stringer" an, aber es gibt zumindest eine Szene, wo sie ihn "Jim" nennt..... ist mir nie bewusst aufgefallen.
Dass James Ferguson in "Tod auf dem Nil" (natürlich der Verfilmung von 1978) Rosalie Otterbourne einen Heiratsantrag macht, wechselt er von einem Satz zum anderen vom "Sie" zum "Du". So weit, so konventionell. Allerdings gab es sehr viel früher im Film schon eine Stelle, in der die beiden per "Du" waren: Als sie dabei waren, die hysterische Jackie in deren Kabine zu beruhigen. Hier hat Gerda von Rüxleben leider nicht aufgepasst!
In der Zweitsynchro der "Wendeltreppe" wird Helen sowohl von Mrs. Oates (DF: Ross) als auch von Schwester Barker (DF: Bertha) gesiezt, von der alten Mrs. Warren dagegen geduzt. Das sie mütterliche Gefühle für sie hat, erscheint das logisch. Bei den Untertiteln entschied man sich ironischerweise für die genau umgekehrte Variante! Sehr gelungen war die Stelle, als Blanche im Keller auf den Mörder trifft, man die Szene aus dessen Sicht sieht und sie ihn anspricht: Die Übersetzung des "you" hätte hier den Kreis der Verdächtigen eingeengt, da sie zuvor nur einen der zwei bzw. drei Kandidaten geduzt hatte. Koeniger entschied sich dagegen dafür, sie sagen zu lassen: "Ich dachte schon, es wäre ein Fremder!" Diplomatisch, da so weder gespoilert noch der deutschen Zuschauer getäuscht wurde (anders als bei einer entsprechenden Szene im "Wachsblumenstrauß"). Hier hat der Autor wirklich mitgedacht!
In der Szene unterhält sich ein Sohn mit seiner Mutter (die Mutter wird hier als Figur eingeführt). Offenbar haben weder der Übersetzer noch der Dialogbuchautor und die Regie erkannt, dass es sich um ein Gespräch zwischen Mutter und Sohn handelt. Entsprechend spricht der Sohn seine Mutter in der deutschen Fassung unnatürlich förmlich an. Vermutlich war das Verwandtschaftsverhältnis in der englischen CONTI nicht vermerkt oder nicht eindeutig erkennbar.
Mit Bild wirkt das noch befremdlicher. Der Dialog vermittelt eher den Eindruck, als würde ein junger Mann mit einer ihm bekannten älteren Dame sprechen. Als Zuschauer fragt man sich, warum diese ältere Dame auf einem fremden Grundstück Gartenarbeit verrichtet, nachdem sie zuvor dort Besuch hatte, und ihm dabei noch eine Lebensweisheit mit auf den Weg gibt, wenn zwischen den beiden keine enge familiäre Beziehung besteht. Besonders auffällig wirkt das im Vergleich zu einer anderen Figur, die ihre Großmutter ganz selbstverständlich duzt.
Dieses Beispiel zeigt, warum es sinnvoll ist, Rohübersetzungen von jemandem anfertigen zu lassen, der die Ausgangssprache beherrscht. Ein solcher Übersetzer hätte die Familienverhältnisse anhand des Originaldialogs vermutlich erkannt, die formellere Ausdrucksweise im Koreanischen korrekt eingeordnet und dem Dialogbuchautor entsprechende Hinweise geben können.
Mal sehen, wie die Dialoge zwischen den beiden in den kommenden Episoden übersetzt werden. Bisher hatte die Mutter nur einen kurzen Auftritt, aber es stehen ja noch einige Episoden aus.